Normen und Konformität

Als Menschen müssen wir schnell entscheiden können, ob uns die Umwelt Gutes oder Böses will. In vergangenen Zeiten hing oftmals unser Überleben davon ab, wie schnell wir herausfinden konnten, ob eine Situation unser Leben bedroht oder ob wir uns sicher fühlen durften. Fehleinschätzung führte zu einem meist negativen Ergebnis. Schnell musste die Kategorisierung in wichtig oder unwichtig für das körperliche Wohl erfolgen.

 

Vor diesem evolutionären Hintergrund spielt sich noch heute unsere Wahrnehmung ab. Situationen und Personen werden schnell danach beurteilt, ob sie uns schaden wollen oder nicht. In unserem Be- und Unterbewusstsein finden sich die neurologischen Korrelate der Kategorisierung. Hier kann und wird schnell entschieden, ob wir um unser Leben fürchten müssen oder hier entspannt essen, trinken, schlafen und träumen können.

 

Im Sozialisationsprozess entstehen im Austausch mit der sozialen und physischen Umwelt relativ dauerhafte Wahrnehmungs-, Bewertungs- und Handlungsdispositionen. Diese befähigen uns dazu, das Verhalten anderer einzuschätzen und zu bewerten. Ferner zeigen uns aber auch auf, wie wir uns selbst zu verhalten haben.

 

Normen definieren Geschlechterrollen, höfliches Verhalten, unangemessenes Verhalten, definieren gute Tischmanieren und angemessenes Sexualverhalten. Sie zeigen auf, was gemocht werden soll und was nicht.

 

Die völlige Übereinstimmung einer Person mit den vorgegebenen Normen wird als Konformität bezeichnet. Dieser Wunsch nach Übereinstimmung kann im unbedingten Bedürfnis nach Zugehörigkeit oder Integration wurzeln, kann jedoch auch durch sozialen Druck der Bezugsgruppe bzw. Gesellschaft ausgelöst werden.

 

Ein sichtbarer Konflikt kommt eben dann zustande, wenn soziale und subjektive Normen nicht übereinstimmen. Nicht normgerechtes Verhalten kann sanktioniert werden, der soziale Druck wächst. Wird mit der Gabel in der rechten Hand gegessen, wird die falsche Farbe angezogen, wird der falsche Star gemocht, dann wird dies negativ beurteilt. Soziale Sanktionen können bis hin zur sozialen Ausgrenzung oder physischen Bestrafung reichen.

 

Eine andere Art von Konflikt ergibt sich, wenn die angenommenen äußeren Normen nicht den inneren Normen gleichen. Nun können die uns in unserem Kopf präsenten Gruppennormen den tatsächlich vorhandenen Gruppennormen gleichen, sie können sich jedoch auch davon unterscheiden. Dies ist der Fall, wenn wir lediglich annehmen, dass ein bestimmtes von uns gezeigtes Verhalten nicht der Norm entspricht. Tatsächlich würde das Verhalten jedoch nicht sanktioniert werden. Die Gruppe könnte dies sogar unter Umständen als völlig akzeptabel bewerten, nur kann das Individuum eine ganz andere Vorstellung der vorherrschenden Normen haben und verhält sich entsprechend der eigenen, vorgestellten Norm, die so nur im Kopf existiert. Unabhängig davon, ob nun vorgestellt oder real, erzeugt ein solcher Konflikt eine starke innere Anspannung. Dieser Konflikt führt zu einem starken Stresserleben, was schließlich körperliche Symptome nach sich ziehen kann.

 

Normen gelten als kulturabhängig. Jede Kultur besitzt unterschiedliche Normen. Selbst kleinere Einheiten, wie Länder, Dörfer oder Gruppen können voneinander unterschiedliche Normen aufweisen. Im Normalfall beruhen diese auf guten Gründen und erleichtern den täglichen Ablauf und das tägliche Miteinander. Sie können jedoch auch auf ethischen, religiösen und kulturellen Glaubenshaltungen basieren, denen keine rationale Basis zugrunde liegt. Nicht jeder Brauch, jede Gewohnheit, jede Handlung steht in Stein gemeißelt und für immer fest.

 

Eine Voraussetzung dafür, dass sich Normen ändern können und Innovation möglich ist, kann im kritischen Denken gesehen werden. So kann das Verletzen bestimmter Normen, das absichtliche Devianzverhalten, die Nonkonformität Einzelner oder auch Gruppen dazu führen, dass sich die Gemeinschaft ihrer Normen bewusst wird und diese kritisch hinterfragen und durchdenken kann. Vielleicht liegt die Person, die wir auf Grund ihres nonkonformen Verhaltens be- und verurteilen, nicht ganz so falsch, wie wir ursprünglich angenommen haben. Vielleicht liegen auch wir nicht immer falsch, wenn wir uns nicht so verhalten oder verhalten wollen, wie es uns gesagt wird.

 

 

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