Als Psychologe im Radio zu Angst vor Technik 

 

Warum haben wir denn  Angst vor neuer Technik und neuen Medien?

 

Die Angst vor neuer Technik im Speziellen wie auch die Angst vor Neuem im Allgemeinen liegt in unseren biologischen Wurzeln begründet. In einer neuen, unbekannten Situation, im Umgang mit einer fremden Person oder einem fremden Objekt konnten wir zu Urzeiten wie auch noch heute zunächst gar nicht sicher sein, ob hier keine Bedrohung vorliegt, uns also vielleicht sogar Schaden droht.

 

Bereits bei Neugeborenen konnte bei fremden Reizen ein erhöhtes Erregungsniveau gezeigt werden. Beim Erwachsenen ist das nicht anders. Bei neuen, fremden Reizen erhöht sich unsere Aufmerksamkeit, unser Körper macht sich für eine Reaktion bereit. Unsicherheit und Gespanntheit lassen uns hellwach und hochkonzentriet werden. Wir nähern uns vorsichtig und mit Bedacht und können im Notfall schnell flüchten. Zusammengefasst ist die Angst vor Neuem also vor allem Eines: Etwas völlig Normales und Natürliches.

 

Warum vor allem ältere Personen?

 

Zunächst kann hier nicht über alles technische, alle neuen Medien und sämtliche ältere Personen hinweg generalisiert werden. Einige ältere Personen stehen neuen Medien sogar recht euphorisch gegenüber. Manche Medien, wie beispielsweise das Handy werden immer stärker von sämtlichen Altersgruppen genutzt, auch im erhöhten Umgang mit dem Internet zeichnet sich diese Tendenz ab. Allgemein gilt, dass hier nach sozialen Milieus unterschieden werden sollte.

 

Wenn wir uns nun jedoch explizit den älteren Personen zuwenden, die Schwierigkeiten, eine Abneigung oder sogar Angst vor neuer Technik haben, so können hier mehrere Faktoren von Relevanz sein: Neben unserer angeborenen Angst - wir könnten Sie auch Vorsicht oder Achtung vor Neuem nennen - spielen Faktoren wie Sozialisation,(also die Eingliederung in die Gesellschaft) unsere Erziehung, unsere eigenen Erfahrungen, Erwartungshaltungen aber auch Nutzungsbarrieren eine relevante Rolle.

 

Ältere Menschen wurden im Laufe Ihres Lebens mit weniger schnellen Innovationen im technischen Bereich konfrontiert. Das schnelle Umgewöhnen, die ständige Anpassung und Umstellung wie heute verlangt waren einfach nicht notwendig und wurden nie erlernt.

 

Zudem ändert sich im Laufe eines Lebens die Bewältigung technischer Probleme: Die schnelle Informationsaufnahme und Verarbeitung nimmt im Laufe des Lebens ab. Problemlösefähigkeiten, sprachliches Vermögen und Erfahrungen nehmen hingegen zu. Dies hat jedoch zur Folge, dass generell im Alter mehr Zeit zum Erlernen von gänzlich Neuem aufgewandt werden muss.

Ferner neigen einige ältere Personen zu einer negativen Erwartungshaltung gegenüber neuen Technologien. Sie glauben häufig, deren Nutzung sei zu schwierig und sehen sich dann bestätigt sobald Technikprobleme aufkommen. Meist wurden zudem bereits negative und demotivierende Erfahrungen mit neuer Technik gemacht.

 

Auch Nutzungsbarrieren sind zahlreich: neben mangelndem Zugang, etwa durch Ausscheiden aus dem Berufsleben, zeigen sich hier sogenannte Adäquanzprobleme, Wahrnehmungsprobleme, Handhabungsprobleme, Verständnisprobleme und Technikprobleme

unter Adäquanzproblemen verstehen wir die Auffassung Älterer, dass Angebote für jüngere Zielgruppen gemacht wurden.

 

Wahrnehmungsprobleme ergeben sich bei nachlassende Sehstärke, zu kleinen Schrifttypen, mangelndem Kontrast oder unüberischtlichem Design.

 

Handhabungsprobleme entstehen durch schlechte Ergonomie, bspw durch zu kleine Bedienungstasten, oder durch die Voraussetzung hoher feinmotorischen Fertigkeiten, die von älteren Personen nicht mehr erbracht werden können.

 

Durch fehlende, unzugängliche oder unverständliche Bedienungsanleitungen ergeben sich Verständnisprobleme.

 

Technikprobleme resultieren aus instabilen Systemabläufen, wenn z.B. Programme oder Betriebssysteme abstürzen.

 

Wie können wir die Angst überwinden?

 

Voraussetzung ist natürlich, dass es als überhaupt als Notwendig erscheint eine solche Angst zu reduzieren oder zu überwinden. Nicht jede neue Technik oder Technologie bringt den gewünschten Mehrwert oder die erwünschten Vorteile.

 

Eine Möglichkeiten Angst zu überwinden besteht darin Angst gar nicht erst aufkommen zu lassen durch eine angstfreie, Technologie-optimistische Sozialisation und Erziehung. In einem Klima der reduzierten Angst aufwachsend wird die heranwachsende Person mit einer hohen Wahrscheinlichkeit selbst angstfreier. Dies geschieht über verschiedene psychologische Lernmechanismen, wie bspw. das Lernen am Modell, also an Vorbildern.

 

Was aber nun tun, wenn bereits eine gewisse Ängstlichkeit vorhanden ist? Hier kann der Kontakt mit neuen Technologien unter bestimmten Bedingungen und Voraussetzungen gefordert und gefördert werden.

 

Auf Anbieter oder Produzentenseite können die bereits erwähnten Nutzungsbarrieren reduziert oder beseitigt werden. Teilweise wird diesem Ziel mit größeren Tasten auf Handys oder Funktionen wie der Bildschirmlupe bereits nachgegangen.

 

Auf der Anwenderseite, also der Seite der älteren Personen selbst, stellt sich der Kontaktprozess im Idealfall folgendermaßen dar: Zu Beginn sollte man sich darüber bewusst werden, dass es völlig normal ist Angst vor Neuem zu haben. Angst ist eben ein natürliches und nützliches Gefühl. Geben wir unsere Angst anderen und uns selbst gegenüber nicht zu und verleugnen sie, kann unsere Anspannung sogar noch weiter steigen. Geben Sie sich genügend Zeit. Gestehen Sie sich Rückschläge ein. Auch Rom wurde eben sprichwörtlich nicht an einem Tag erbaut.

 

In einem nächsten Schritt können wir dann näher betrachten wovor wir genau Angst haben. Ist es die Angst davor zu versagen, keine Kontrolle mehr über die Situation zu haben, uns zu blamieren?

 

Ziel ist nach einer solchen Bestimmung der Abgleich mit der Realität, sind die Ängste begründet? Was ist das Schlimmste, was ist das Beste das passieren kann? Welche Vorteile ergeben sich? Wie kann ich vorgehen, kenne ich bereits ähnliche Technologien, gibt es Hilfsmittel, wie bspw. Bedienungsanleitungen, die mich weiterbringen, oder kenne ich jemanden der mir gerne weiterhilft?

 

Nach der nun gedanklich bereits erbrachten Arbeit erfolgt der konkrete Schritt in die Realität. Wir müssen uns den neuen Medien/ Technologien stellen - mit all der Angst und Unsicherheit. Denn nur wer sich der Angst stellt, kann sie überwinden.

 

 

Download
Mitschnitt zu Angst vor Technik bei der neuen Welle Karlsruhe
Mitschnitt Angst vor Technik Dominic Hen
MP3 Audio Datei 1.6 MB

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